Croissants statt Cannabis

„Der Tagesspiegel“ vom 09.03.2017

„Früher war hier alles Getto, dann wurde es Multikulti und jetzt wird es Schickimicki.“ (Alexandra Lack, Inhaberin des Gemischtwarenladens Bantelmann in der Kreuzberger Wrangelstraße. Das Traditionsgeschäft ist von Schließung bedroht.)

Charles Skinner ist dieser Tage in Kreuzberg ein eher unbeliebter Mann. Erst machte der britische Investor aus seinen Mietwohnungen an der Glogauer Straße Feriendomizile. Dann quartierte er das Schickimicki-Restaurant Vertikal ein. Nun kündigte er der Bäckerei Filou, die seit 16 Jahren hier ansässig ist. Inhaber Spülbeck zahlt 1085 Euro für 76 Quadratmeter. Auf viermal mehr hofft Skinner künftig. Miethöhen über die kürzlich ein führender Architekturhistoriker scherzte: „Wollen Nahversorger weiterhin verdienen, müssen sie darüber nachdenken, Koks zu verkaufen.“

Aber das Feindbild vom profitgierigen Investor greift bei Skinner zu kurz. Selbst Magnus Hengge von der Kreuzberger Nachbarschaftsinitiative Bizim-Kiez („Unser Kiez“), gesteht dem Mann Ortsverbundenheit zu! Immerhin gab er seinen Londoner Wohnsitz zugunsten seines frisch ausgebauten Kreuzberger Penthauses auf. Und „mehr rausholen“ heißt bei Skinner neben der Rendite auch den Chic dieser bisher spröden Ecke auszubauen. Darum soll der schnöde Bäcker einem stylischen weichen. Schritt für Schritt geht der Investor vor – und da ist er nicht der Einzige: Keine 50 Meter weiter öffnete bereits ein tolles Kuchenkaffee mit gediegenen Preisen.

Es geht voran. Demonstranten protestieren gegen
steigende Mieten und mögliche Räumungen in Kreuzberg.
Foto: M. Gambarini/dpa

Dass sein Aufwertungsbestreben auf handfesten Widerstand stößt, damit hatte der Brite wohl kaum gerechnet. Rund 2000 Anwohner forderten auf einer Demo am vergangenen Sonnabend, das Café Filou und den Haushaltswarenladen Bantelmann zu erhalten. Letzterem droht nach 36 Jahren der Rausschmiss. Seitdem nehmen die Proteste nicht mehr ab. Denn Gentrifizierung auszubremsen hat in Kreuzberg Tradition. Manchen Punktsieg trugen die Anwohner in 45 Jahren Auflehnung schon davon. Da wurden Kündigungen zurückgezogen, Räumungen aufgeschoben, bis ein neues Lokal gefunden war, oder Wohnprivatisierung abgewendet, weil man Milieuschutz geltend machte.

 

Rentnern, Migranten, Kreativen und Kleingewerbe Raum zu lassen, das gehört hier zur Lebensphilosophie.

Schönheit interessiert Ur-Kreuzberger dabei wenig. Was zählt ist Menschlichkeit. Durch Protest solidarisieren sie sich mit Nachbarn, für die der Rausschmiss sozial und finanziell das Aus bedeutet. „Die Menschen und das soziale Gefüge tragen Kreuzberg“, beschreibt Hengge „seinen Kiez“ und denkt dabei an Alternativkultur in Gestalt von Suppenküchen, Tauschringen oder Groß-WGs, die mittellose Mieter mitfinanzieren. Diese bunte Gemeinschaft will man keinesfalls durch eine homogene Masse Besserverdiener zerschlagen sehen. Im Gegenteil.

Das aber ist ein Kampf gegen eherne Gesetze der Stadtentwicklung. „Mehr Geld verdrängt weniger“, umschreibt Handelsberater Christoph Meyer von CM Best Retail Properties die simple Logik. Dass Krämer und andere Kleingewerbler aus angestammten Lokalen wegziehen müssen, ist in angesagten Vierteln Berlins längst kein Einzelschicksal mehr. Vor allem überrumpeln stylische Restaurants, neue Foodkonzepte oder angesagte Clubs urige Kneipen und Läden. „Kreuzberg ist eine Kiezlage. Filialisten wie H&M und Zara würden da nie hinwollen“, grenzt der einstige BNP Paribas Manager den Kiez von Stadtteillagen wie der Schloßstraße ab. Dort breiten sich 08/15-Ketten aus, hier Einzelhändler, die statt einfacher Kost nun hochpreisige für Yuppies anbieten.

Die Lage kann sich vergleichsweise schnell ändern. Das zeigen Beispiele wie „Kreuzkölln“ oder die Hackeschen Höfe, in deren Umfeld inzwischen internationale Modelabel anstelle lokaler Einzelhändler Platz genommen haben.

 

„Der Kiez lebt von seinen witzigen Läden im Erdgeschoss! Das muss man Investoren klarmachen“

„Berlin erfreut sich bei Privatinvestoren wachsender Beliebtheit“, identifiziert Meyer die Treiber des Wandels. Das kann ein Anwalt aus Tel Aviv, ein Reeder aus Athen oder ein Zahnarzt aus Kassel sein. Gemeinsam haben fast alle: wenig Gefühl für die Kiezkultur, weil sie nicht vor Ort leben. Meist sind sie keine Anlageprofis. Aus Veröffentlichungen großer Maklerhäuser erfahren sie von Berliner Spitzenmieten. Die vergleichen sie mit den ihren und sehen massig Luft nach oben.

„Wohnmieter sind durch unbefristete Verträge und den Mietpreisspiegel geschützt, die im Gewerbe sind mit Vertragsablauf dem freien Markt ausgesetzt“, folgert Meyer, warum Ladenbetreiber die Sanierungs- und Veräußerungsbestreben besonders hart treffen. „Kreuzberg ist eng, es gibt kaum Grün und viele dunkle Häuser. Der Kiez lebt von seinen witzigen Läden im Erdgeschoss! Das muss man Investoren klarmachen. Sie sägen am Ast, auf dem sie sitzen“, gibt Meyer zu bedenken, der die Problematik als Leiter des IHK Arbeitskreises Stadtentwicklung und Kreativwirtschaft bestens kennt.

Proteste gegen Strukturänderungen im Einzelhandelsangebot haben auch etwas Wohlfeiles. „Wir freuen uns über kleine Geschäfte in der Nachbarschaft, geben dort aber kaum Geld aus“, beobachtet Andreas Malich, Einzelhandelsexperte und Berliner Statthalter des internationalen Immobilienberaters CBRE. Es gebe nicht nur Verdrängung, sondern auch das Gegenteil. So habe es im Reuterkiez vor fünf Jahren noch gar keine Einzelhändler gegeben. „Heute sind die Flächen sehr beliebt“, sagt der CBRE-Mann. Und in „Kreuzkölln“ finde keine eigentliche Gentrifizierung statt, behauptet Malich: „Denn ein Einzelhändler, für den die Mieten in seinem Geschäft zu stark ansteigen, kann meist in der näheren Umgebung alternative Flächen zu deutlich niedrigeren Preisen vorfinden.“

Das wird von Daniel Spülbeck vehement bestritten. „Es gibt für uns leider in unmittelbarer Umgebung keinen infrage kommenden Gewerberaum. Es gibt zwar einen, der frei ist, aber leider auch entschieden zu groß und zu teuer“, sagt der Inhaber des „Filou“.

„Ändert sich die Anwohnerstruktur, kommen mit einer gewissen Zeitverzögerung auch andere Läden“, beobachtet Stephan Grupe, Einzelhandelsmakler in Berlin. Häuser werden saniert, Mieten steigen und mit ihnen hält eine lebensstilorientiertere Klientel Einzug. Irgendwann spiegelt sich dieser Wandel auch im Ladenbesatz wider. Was nicht heißt, dass es den anatolischen Gemüsehändler nicht mehr gibt. Aber vielleicht gibt es nur noch zwei statt zehn. „Auch neue Ideen finden ihren Platz, wie zum Beispiel Bio-Supermärkte“, erläutert Rüdiger Thräne, Regionalmanager von Jones Lang LaSalle (JLL) in Berlin. „Und die Tech-Szene erwartet nachts eher eine Bar mit coolen Drinks statt eines türkischen Cafés.“

 

Der Moritzplatz ist ein gutes Beispiel, wie ein positives Interessenausgleich gelingen kann

Dass Vermieter just die Gewerbemieten rasant erhöhen, hat auch pragmatische Gründe. Sie finanzieren zu großen Teilen den Objekterhalt, seit die Steigerung der Wohnmieten ausgebremst wurden. „Die Hauptmiete kommt aus dem Erdgeschoss“, sagt Grupe. Eine gewerbliche Mietpreisbremse wäre so ziemlich das Schlimmste, was die Politik verordnen könne.

Ganz gleich, warum sie steigen – hohe Mietpreise bedrohen Berlins wichtigstes Asset: das Hippe, Kreative und Bunte. Meist geschaffen von Menschen, die reicher an Ideen als an Materiellem sind. Sie machen den Kiez erst lebenswert, bestätigt Grupe: „Alte Cafés und Läden sind wichtig, um die Straßen bunt zu halten. Die Mischung macht’s – auch um bei Shoppingcentern und beim Internethandel gegenzuhalten.“Selbst ein kommerzielles Shoppingcenter wie das Bikini Berlin hat sich deshalb etwas Kiez ins Kaufhaus geholt: die sogenannten Pop-up-Stores im Erdgeschoss.

„Ohne Gegensteuerung verkommt die Stadt zum Oligarchenwohnen, das alle Menschen ohne Geld verdrängt“, warnt Andreas Krüger, Mitglied im Lenkungskreis der bürgerschaftlichen Initiative „Stadt Neudenken“. Die breitangelegte Interessengemeinschaft ersinnt Wege, um zumindest auf städtischem Grund interessenausgleichende Spielräume und Quali- tätsoffensiven zu sichern. Krügers eigener Weg als Entwickler begann vor knapp zehn Jahren am Moritzplatz. Den verwandelte er vom Unort zum Publikumsmagneten dank Ansiedlungen von Planet Modulor, Aufbau Verlag, BetaHaus, den Prinzessinnengärten oder der Open Design City.

Noch heute schwärmt er von der guten Zusammenarbeit zwischen Bezirk, Senat, Anwohnern und den Investoren. „Die Wirtschaftlichkeit muss stimmen, aber das schließt eine lebendige Kultur nicht aus – verlangt aber die Fähigkeit zum Interessenausgleich.“

 

Wer kann hier schlichten?

Letzteres, beobachtet er, fehlt oft bei Einzelinvestitionen. „Eigentlich entscheidet der Human Factor. Aber wer bringt streitende Bäcker und Hausbesitzer wieder ins Gespräch?“, fragt Krüger und trifft damit auch im Falle Skinner den Nagel auf den Kopf. Bis auf gelegentliche Vorwurfsalven als Reaktion auf den Protest, verstummte mit der Kündigung die Kommunikation. Letztlich ist es wohl auch Skinners „Gutsherrenart“, die die Gemüter der Filou-Sympathisanten erregt. Aber wer kann hier schlichten? „Politik und Bürgerinitiativen taugten nicht zur Schiedsstelle, die sind nicht neutral. Es braucht ,Kümmerer‘, die jeder Stadtteil vorhalten sollte“, schlägt Krüger vor.

In Kreuzberg wäre das einer wie Christoph Albrecht, Begleiter der Interessengemeinschaft der Anwohner zur Entwicklung der Markthalle Neun. Seit Jahren wirkt er ohne Eigennutzen. Er beobachtet wie Gesellschaft funktioniert, deshalb gelingt es ihm, Widerstreitendes zu versöhnen. Vielleicht ist die Markthalle Neun auch deshalb so erfolgreich!

„Wir sind das Antiverdrängungsmodell! Bei uns wächst das Kleingewerbe, statt zu verschwinden“, stellt Nikolaus Driessen, Mitgründer der Markthalle Neun, fest. „Überall in der Bundesrepublik geht die Zahl der Metzger, Bäcker und Käsereien zurück, in Berlin steigt die Zahl der Lebensmittelhandwerker wieder! Allein bei uns waren es 19 Direktgründungen in fünf Jahren“, freut er sich.

Das Erfolgsgeheimnis liegt in der Bündelung moderner Nahrungskompetenz. Sie deckt von bodenständig bis exotisch alles ab. Das zieht Kundschaft weit über Kreuzberg hinaus an und macht die Mieten für Hersteller wie Verkäufer bezahlbar. Weil die Halle aus allen Nähten platzt, verhandelt man seit drei Jahren mit der Stadt um den denkmalgeschützten Viktoriaspeicher, der keine 500 Meter entfernt liegt. Hier sollen künftig die Produzenten unterkommen.

 

Quelle: „Der Tagesspiegel“ vom 09.03.2017; Text: Rahel Willhardt und Reinhart Bünger; Foto: M. Gambarini/dpa

veröffentlicht am: 09.03.2017


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